Warum ziehen wir ständig die Schultern hoch – und was hat das mit dem Gesicht zu tun?

Jamila Wejt
Jun 16, 2026Von Jamila Wejt


Die meisten Menschen achten auf ihr Gesicht.

Auf ihre Haut.

Auf ihre Mimik.

Auf ihre Kieferlinie.

Doch nur wenige achten auf ihre Schultern.

Dabei verraten die Schultern oft mehr über unseren Alltag als das Gesicht selbst.

Wenn ich Menschen frage, ob ihre Schultern verspannt sind, lautet die Antwort meist sofort: „Ja.“

Frage ich jedoch, seit wann das so ist, wird es schwieriger.

Denn viele Menschen tragen ihre Schultern seit Jahren ein Stück zu weit oben oder zu weit vorne – ohne es überhaupt zu bemerken.

Ein kleines Experiment

Zieh deine Schultern jetzt einmal bewusst nach oben.

Richtung Ohren.

Halte die Position für einige Sekunden.

Und lass wieder los.

Das fühlt sich anstrengend an.

Interessanterweise verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Tages in einer ähnlichen Haltung – nur deutlich subtiler.

Nicht bewusst.

Nicht absichtlich.

Aber täglich.

Früher war es Stress. Heute ist es oft der Schreibtisch.

Unser Körper reagiert auf Stress seit Jahrtausenden ähnlich.

Wenn wir uns bedroht fühlen, schützen wir instinktiv empfindliche Bereiche wie Hals und Nacken.

Die Schultern ziehen nach oben.

Der Kopf wird eingezogen.

Der Körper macht sich kleiner.

Heute begegnen wir selten echten Gefahren.

Dafür verbringen viele Menschen Stunden vor dem Computer, mit dem Smartphone oder am Schreibtisch.

Und genau dort beginnt oft ein anderes Problem.

Die Haltung, die wir jeden Tag trainieren

Die meisten Menschen verbringen mehrere Stunden täglich in derselben Position:

Der Blick geht nach unten.

Die Schultern rollen nach vorne.

Der Brustkorb sinkt ein.

Der Kopf wandert vor den Körper.

Tag für Tag.

Monat für Monat.

Jahr für Jahr.

Der Körper passt sich an das an, was er am häufigsten tut.

Irgendwann wird aus einer Haltung eine Gewohnheit.

Und aus einer Gewohnheit ein Muster.

Warum die Schultern oft nicht die Ursache sind

Viele Menschen versuchen, ihre Schultern bewusst nach hinten zu ziehen.

Das funktioniert meist nur für kurze Zeit.

Wenig später fallen sie wieder nach vorne.

Warum?

Weil die Schultern oft nicht die eigentliche Ursache sind.

Wenn wir täglich viele Stunden sitzen, verliert die Vorderseite des Körpers nach und nach an Beweglichkeit.

Der Brustkorb wird unbeweglicher.

Die Atmung wird flacher.

Die Position des Kopfes verändert sich.

Die Schultern folgen dieser Entwicklung.

Deshalb beginnt eine Veränderung der Haltung aus meiner Sicht häufig nicht bei den Schultern, sondern deutlich tiefer.

Die unterschätzte Rolle von Bauch, Brustkorb und Zwerchfell

Wenn Menschen über Haltung sprechen, denken sie meist an den Rücken.

Viel seltener sprechen sie über die Vorderseite des Körpers.

Dabei verbringen viele Menschen den Großteil ihres Tages in einer Position, in der Bauch, Brustkorb und Hals eher verkürzt als aufgerichtet arbeiten.

Genau deshalb beziehe ich in meine Arbeit häufig Bereiche mit ein, die auf den ersten Blick nichts mit dem Gesicht zu tun haben:

- Bauch
- Brustkorb
- Zwerchfell
- Hals
- Schultergürtel

Denn eine aufrechte Haltung entsteht nicht allein durch einen starken Rücken.

Sie braucht auch Beweglichkeit und Raum auf der Vorderseite des Körpers.

Mehr zur Behandlung

Warum die Vorderseite des Körpers eine so wichtige Rolle spielt, habe ich bereits ausführlicher im Artikel über Faszien und ihre Bedeutung für Spannung und Beweglichkeit beschrieben.

Und was hat das mit dem Gesicht zu tun?

Viele Menschen konzentrieren sich auf ihr Gesicht, wenn sie müde, angespannt oder erschöpft wirken.

Dabei lohnt sich manchmal eine andere Frage:

Wie viele Stunden verbringe ich täglich mit nach vorne geneigtem Kopf, eingefallener Brust und nach vorne gezogenen Schultern?

Das Gesicht befindet sich immer am Ende dieser Haltung.

Deshalb betrachte ich bei meiner Arbeit nicht nur den Bereich, der sichtbar ist.

Mich interessiert auch, was darunter passiert.

Der Kiefer macht oft mit

Wer konzentriert arbeitet, hält häufig nicht nur die Schultern fest.

Viele Menschen pressen gleichzeitig die Zähne aufeinander oder halten Spannung in der Kaumuskulatur.

Das geschieht meist unbewusst.

Je länger diese Gewohnheiten bestehen, desto selbstverständlicher werden sie.

Deshalb lohnt es sich manchmal, nicht nur auf den Kiefer zu schauen, sondern auch auf die Haltung, die ihn täglich begleitet.

Wer sich intensiver mit diesen Zusammenhängen beschäftigen möchte, kann die Themen Faszienarbeit, Kieferarbeit und manuelle Gesichtsarbeit auch im Rahmen meiner Weiterbildungen kennenlernen.

Fazit

Verspannte Schultern entstehen nicht immer durch die Schultern selbst.

Oft sind sie das Ergebnis von Gewohnheiten, die wir täglich wiederholen.

Langes Sitzen, ein nach vorne geneigter Kopf, ein unbeweglicher Brustkorb und eine flache Atmung können die Haltung über Jahre prägen.

Deshalb beginnt Veränderung aus meiner Sicht häufig nicht dort, wo wir die Spannung spüren, sondern dort, wo sie Tag für Tag entsteht.

Wenn du selbst erleben möchtest, wie ich mit Kiefer, Hals, Brustkorb und manueller Gesichtsarbeit arbeite, findest du weitere Informationen auf meiner Behandlungsseite.

Für Kosmetikerinnen, Masseure und Beauty-Professionals biete ich außerdem Weiterbildungen in manueller Gesichtsarbeit und Buccal Massage an.

FAQ

Warum ziehen viele Menschen unbewusst die Schultern hoch?

Häufig geschieht dies durch Stress, Konzentration oder langes Arbeiten am Computer. Mit der Zeit kann daraus ein dauerhaftes Bewegungsmuster entstehen.

Warum fallen die Schultern immer wieder nach vorne?

Weil oft nicht die Schultern selbst die Ursache sind. Auch Gewohnheiten, die Position des Kopfes, die Beweglichkeit des Brustkorbs und die tägliche Körperhaltung spielen eine Rolle.

Welche Rolle spielt das Zwerchfell für die Haltung?

Das Zwerchfell ist an der Atmung beteiligt und steht in enger Beziehung zum Brustkorb. Deshalb wird es in vielen ganzheitlichen Ansätzen zur Haltung berücksichtigt.

Was haben Schultern und Kiefer miteinander zu tun?

Viele Menschen halten bei Stress oder Konzentration gleichzeitig Spannung in Schultern, Nacken und Kaumuskulatur. Diese Gewohnheiten treten häufig gemeinsam auf.

Warum betrachte ich bei der manuellen Gesichtsarbeit auch Brustkorb und Bauch?

Weil Haltung nicht nur im Rücken entsteht. Beweglichkeit im Bereich von Bauch, Brustkorb und Zwerchfell beeinflusst die gesamte Aufrichtung des Körpers und spielt deshalb in meinem Ansatz eine wichtige Rolle.

Über die Autorin

Jamila Wejt arbeitet seit über 16 Jahren im Bereich manueller Körper- und Gesichtsarbeit.

Ihr Schwerpunkt liegt auf faszialer Arbeit, Buccal Massage, Kieferarbeit und dem Zusammenhang zwischen Haltung, Spannung und Gesicht.

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